Rammstein „Deutschland“. Die Wiedergeburt des epischen Musikvideos

Die erfolgreichste deutsche Band namens Rammstein veröffentlicht das Musikvideo zum Song „Deutschland“. Es ist die erste Single nach zehn Jahren Abstinenz. Das zugehörige Album erscheint im Mai 2019. Fans und Musiker weltweit sind gespannt auf das neuste Werk der Deutschen. In der Szene ist es ein Event. Ein Kommentar.

Nach zehn Jahren ohne neue Musik fragt man sich, ob sie es noch drauf haben, ihre Fans zu begeistern. Zuerst war das Video ausschließlich auf der eigenen Bandwebseite zu finden. Aber bevor man das neue Werk anschauen durfte, musste man sich zuerst noch bei Youtube anmelden, um sein Alter zu verifizieren. Das bedeutet einen weiteren Klick und eine verhältnismäßig große Hürde für den faulen Internetnutzer. Dabei besteht die Gefahr, dass er abspringt, ohne das Video angeschaut zu haben.

Rammstein – Deutschland. Ein Musikvideo als Event

28 Millionen Klicks nach 10 Tagen

Nach nur wenigen Stunden erreicht „Deutschland“ über 9 Millionen Klicks und zeigt deutlich, dass die Band um den begabten Poeten Till Lindemann an Relevanz in der Musikszene nicht verloren hat.

Wie für Rammstein üblich wird auch in „Deutschland“ ein grenzwertiges Thema behandelt. Dieses Mal ist es die dunkle Geschichte ihrer Heimat. Es war zu erwarten, dass auch jetzt verschiedenste Personen und Organisationen ihre Empörung über das „Skandal-Video“ öffentlich kundtun.

Zu lesen sind Texte wie: „Anne Clark Plagiat“, „KZ-Skandal?“, „Der Holocaust werde zu Marketingzwecken missbraucht“ (Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) und „Überschreitung einer roten Linie“, Felix Klein im Interview mit der Bild-Zeitung. Die Morgenpost schreibt: „Rammstein schocken mit KZ-Video“

Fader Beigeschmack der Marktschreier

Nur leider verbreitet sich bei all den Skandalschreien und der Kontroverse zu diesem Musikvideo ein fader Beigeschmack. Diesmal sind nicht Rammstein die Opfer ihrer Aufmerksamkeitssucht. Es sind die zahlreichen Personen und Organisationen, die sich öffentlich über dieses Video auslassen. Jedes noch so kleine Fitzelchen wird als Aufhänger missbraucht, um Reichweite zu generieren. Es scheint, als zehren sie von Rammstein, nicht andersherum. Im Internet bezeichnet man eine Personen als „attention whore“, die um jeden Preis Aufmerksamkeit generieren will. Jeder will ein Stück vom Kuchen. Irrelevant, wie klein der Krümel auch sein mag.

Aber wollen wir mal all die „Skandale“ und Provokationen außen vor lassen. Am Ende bleibt ein Musikvideo mit der Aufschrift „Große Kunst“. Rammstein investiert so viel Geld in ein neunminütiges Video wie andere Bands in ihrer gesamten Karriere verdienen.

Heute auf keinen Fall mehr üblich

Wie in einem Kurzfilm bekommen wir im Musikvideo „Deutschland“ Einleitung, Hauptteil und Schluss. Inklusive Outro und Credits. Begleitet werden diese von einer hörenswerten Piano Version des Rammstein Songs „Sonne“. Sehr überraschend für den Einen oder die Andere.

Die Erzählung im Video umfasst mehrere Epochen der Deutschen Geschichte. Angefangen im Teutoburger Wald sieht man aber auch Astronauten im Weltall. Das Mittelalter findet Erwähnung und auch das dunkelste aller deutschen Kapitel, der Nationalsozialismus, erhält einen Part. Jedoch sei erwähnt, dass es nur einen Teil des Videos einnimmt und keinesfalls das Hauptthema darstellt.

High Quality Production

Für jedes dieser Settings wurden umfangreiche Kulissen gebaut und Kostüme erdacht. Wir sehen ein paar alte Römer, scheinende Ritterrüstungen werden im Kampf von Schwertern durchbohrt. Nach einem weiteren Schnitt prangert eine brennende Hindenburg pompös aber doch unscheinbar im Hintergrund einer Einstellung. Wir bekommen einen Gefängnisaufstand und zwei Hinrichtungsszenen aus den Jahren um 1933 präsentiert. Und nicht zuletzt sieht man einen stilvollen Besprechungsraum und eine abstruse, reich gedeckte Tafel. Jede Szene ist perfekt ausgeleuchtet, was zur tiefen Atmosphäre der bewegten Bilder beiträgt.

Die Kostüme sind allesamt gut gewählt und wirken sehr hochwertig. Das Makeup ist perfekt und die Kameraeinstellungen vermitteln Emotionen, Drama, Kraft und Dynamik. Dabei entwickelt sich die Dramaturgie durch das klug gestaltete und stark inszenierte Musikvideo zu einem Höhepunkt für sich selbst.

Ruby Commey als Germania

Schnelle Schnitte, dunkle Farben und zum Klimax hin viel Kamerarütteln mit ausdrucksstarken Gesichtern. Ruby Commey, die schwarze Germania, macht eine klasse Figur und wird zum geheimen Star des Videos, was Rammstein selbst ein wenig in den Hintergrund rücken lässt. Auf der einen Seite wunderte mich das, auf der anderen Seite passt diese Tatsache wunderbar zur harten deutschen Band und macht sie dabei noch sympathischer.

Für ihre Fans

Rammstein-Konzertkarten sind innerhalb von Minuten ausverkauft. Wem also die Ehre zuteil wurde, ein Rammsteinkonzert besucht zu haben, weiß dass die sechs Bandmitglieder die Show für ihre Zuschauer machen. Das zeigen sie am Ende ihrer Show. Ich habe noch nie eine Band gesehen, die sich am Ende einer Show ehrfürchtiger vor ihren Fans verbeugt als Rammstein.

Viele Künstler sagen, ohne ihre Fans seien sie nichts. Oftmals Luftblasen, blabla und Geschleime. Rammstein sagen das nicht, sie zeigen es durch eine Geste der Verbeugung.

Zurück in die Vergangenheit

Alles in Allem haben wir ein episches Musikvideo, wie es zu Zeiten von Michael Jackson und Prince der Fall war. Es erzählt eine Geschichte und wir erleben eine Entwicklung bis zum großen Höhepunkt und der anschließend einkehrenden Ruhe. Warten wir mal auf die Auszeichnungen für „Bestes Musikvideo“ in diesem Jahr 2019…

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