Kritik zu Church of Scars – Bishop Briggs

Das erste mal ist mir Bishop Briggs durch Zufall auf Youtube vorgespielt worden. Nach nur zwei Sekunden katapultierte mich der interessante, ruhige Anfang des Songs vom Gefühl der Neugier in einen einwandfrei abstoßenden WTF-Moment. Lest hier die Kritik zu Church of Scars.

Was soll dieses skurril verstörende Zappeln und diese abgefahrene Brille aus einem Psychofilm – mit einer Frau, die sich Bishop nennt? Und übehaupt, was hat das mit einem Fluss zu tun? Fragen über Fragen, die mich gefesselt auf den Bildschirm starren ließen. Ich war mir sicher, die Dame hat ihrem Studentenkollegen ‘nen Fuffi in die Hand gedrückt, um aus ihrem 80er Jahre Familienvideo-Material ein Musikvideo zu schneiden – jeder fängt mal klein an.

 

Spontan weiß ich nicht, ob mich ein Musikvideo jemals auf diese Art so verstört und fasziniert zurückgelassen hatte. Für mich, der den Text nicht kannte, ergab das Video mit den surreal wirkenden Bildern und Effekten aus einem vergangenen Jahrtausend keinen Sinn…

Aber der Sound… ließ mich nicht los. Intensiv und authentisch entwickelt sich das Stück zu einem Powersong. Gespickt mit düsteren Gefühlen und Abwechslung nimmt die Komposition den Raum ein. Je lauter, desto besser. Verzweifelt suche ich im Inneren nach ähnlich energiegeladen, harmonisch verträumt klingenden Songs. Mir fielen bei bestem Willen keine ein.

Bereits in diesem Song zeigt die Dame ihr Talent, und davon nicht zu wenig. In Vorfreude auf mehr lege ich sie vorerst mental zur Seite. Denn viel mehr fand ich nicht von einer begabten Künstlerin namens Bishop Briggs. Aber ich wusste, es wird noch mehr kommen. Ganz von alleine. Ich brauchte nicht suchen.

 

Kritik zu Church of Scars

2018, also zwei Jahre später, ist es dann soweit.

Ihr Debutalbum „Church of Scars“ erscheint. Leider beinhaltet der Longplayer nur bescheidene 10 Songs. Der Trend zu immer weniger Songs pro Album zeichnete sich ja schon vor Jahren ab. Rammstein hatten, bis auf die Ausnahme „Liebe ist für alle da“ konstant nur elf Songs pro Album. Nine Inch Nails und Alt-J reichen diesmal nur freche acht Songs für ihre aktuellsten Alben, die sie LP nennen. Im Zeitalter der Flatrates versucht nunmal auch die Musikindustrie immer mehr Geld pro Artikel umzusetzen. Schade.

Aber hier merke ich, dass mich Bishop Briggs, mit leiblichem Namen Sarah Grace McLaughlin auf Ihre Seite zieht. Das Album der Newcomerin überzeugt auf ganzer Linie und tut es ihrem Song „River“ gleich.

Mit nur fast 34 Minuten Spielzeit wirkt das Album dennoch vollständig und aus einem Guss. Es wirkt in sich geschlossen und abgerundet. Es ist ein vollendetes Kunstwerk zur Unterhaltung und Befreiung tiefster Gefühle.

Der Opener „Tempt my Trouble“ startet mit einer Mischung aus sehr präsenter aber dennoch zurückhaltend wirkender Bassline, begleitet von einem Uhrwerk ähnlichen Rythmus. Zügig stellt sich ihr Gesang in den Vordergrund und führt unaufregend das zuvor erstellte Klangbild weiter. Dann setzt die Bassline kurz aus, es wird ruhiger und der dreiteilige Refrain kündigt sich an. Die Bassline kehrt zurück. Unerwartet catchy und doppelt funky treibt sie auch die letzte Zelle im Körper auf die Tanzfläche. Auch der Refrain ist drei mal enthalten. Jedesmal neu und abgewandelt. Es kommen Instrumente hinzu und setzen dem ohnehin schon treibenden Beat noch einen drauf. Es wird einfach nicht langweilig.

Für mich handelt der Song von zwei Liebenden, die nicht ohne einander können, aber sich irgendwie nicht zusammenraufen können, ein Paar zu werden. Denn “…we’re not friends / and we’re not lovers / we’re just trouble“. Dies kann nicht ewig gut gehen. So, wie das Ticken der Uhr angedeutet hat, denn beide sind sich darüber bewusst. Der Song versprüht eine paradoxe Euphorie, die in eine gewisse Angst und auch Drohung umschwenkt, nur um wieder in Euphorie zu enden.

 

Ein Karussel der Gefühle,

wie es die Wirklichkeit gerne bittersüß bereitstellt.

Weiter geht es mit dem verträumt sehnsüchtigen „River“ und einem melancholisch verzweifelten „Lyin’“. Dieser ruhigere und anfänglich simpel anmutende Song spiegelt textlich und melodisch eine verzweifelte Liebe wider. Auch hier passt der Höhepunkt wieder authentisch in das behandelte Thema und bildet einen weiteren abgerundeten Track.

Selbstbewusst geht es mit „white flag“ weiter. Der Song erinnert an ein lauerndes Raubtier, das nur darauf wartet, zuzuschlagen. Ehrgeiz, Lebensmut und eine unbändige Kraft zeichnen eine starke Frau. Und zwar nicht künstlich, sondern nachvollziehbar und authentisch im bereits bekannten „bombast-Sound“. Dazu klatscht sogar der Chor. Wir sind zu stark zum aufgeben! Ohne Zweifel!

Nachdem die Stärke zurückerlangt wurde „träumt“ das energiegeladene „poetische Ich“ euphorisch und melancholisch-optimistisch. Doch der Schein trügt. In „Dream“ untermalt ein prägnanter, wiedermal treibender Bass die Sehnsucht und den Drang, aus sich herauszugehen. Wie das Pochen des Herzens hinter der starken Brust.

 

 Treibend!

Dieses Wort lässt mich bei Church of Scars nicht los. Denn genau so und mit großer Kraft unter der Oberfläche schlummernd präsentieren sich die nächsten Songs auf diesem Album ohne ihren träumerischen Charakter zu verliern. Voller Energie folgen „Wild Horses“ und „Hallowed Ground“. Letzterer reißt den Zuhörer zwischen gefühlvollen Orgeln und befreienden Chor-„Yeah Yeahs“ (nicht zu vergleichen mit dem peinlichen Milleniumwhoop) zu markanten, fast schon gruselig wirkenden Posaunen und erzeugen eine nur selten erreichte Atmosphäre.

Begleitende Chorgesänge unterstreichen auch im Lied „water“ kraftvoll den behandelten Herzschmerz. Das wird durch einzelne Instrumenteinsätze gelungen in die Melodie übertragen und unterstreicht die starke Bedeutung der Poesie.

 

Dank auch dem letzten Song

Dankbar bin ich Church of Scars auch für den 10. und letzten Track. Er bildet nach dem vorherigen Gefühlserlebnis einen doch eher ruhigen Abschluss und lässt den Zuhörer ein wenig zur Ruhe kommen. Aber auch hier wird man wachgerüttelt. Der geschickte Einsatz spezieller Instrumente drückt dem Ganzen einen wiederholt extravaganten modernen Stempel auf, wie man ihn eher aus heutiger elektronischer Musik kennt. Man ist hin- und hergerissen, erschreckt und wird nicht losgelassen. Man lernt es zu mögen.

Alles in allem ist Church of Scars ein grandioses Stück Kunst. Anfangs leicht skurril, aber gefühlvoll und stets harmonisch und authentisch. Jeder Song ist durchdacht und auf seine Weise ein abgerundetes Werk voller Gefühl und Abwechslung mit herausragenden Passagen, die das ganze Album wie einen Roten Faden durchziehen. Der intelligente Einsatz von Bass, Posaune und weiteren Instrumenten setzt starke Akzente und reißt den Zuhörer immer wieder aus seiner kurzweiligen Gemütslage heraus. Wie bei weiteren guten Alben kann es sein, dass auch Church of Scars für den Einen oder Anderen erst wachsen muss. Aber das schafft es mit Leichtigkeit. Ich selbst MUSSTE es nochmal hören, und nochmal und nochmal.

Subjektiv gesprochen könnte man kaum zufriedener mit nur zehn Tracks sein. Dieses Album ist komplett.

————

Tracklist:

01 – Tempt My Trouble
02 – River
03 – Lyin‘
04 – White Flag
05 – Dream
06 – Wild Horses
07 – Hallowed Ground
08 – Water
09 – The Fire
10 – Hi-Lo (Hollow)

Spielzeit: 33:40

 

Links: https://bishopbriggs.com/Amazon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.