Was hat Musik-Streaming mit Gaming und Macht zu tun?

Wissen ist Macht. Das deutsche Sprichwort  lässt sich auf den englischen Philosophen Francis Bacon († 1626) zurückzuführen. In der heutigen Zeit erhält das geflügelte Wort einen immer erschreckender und düsterer werdenden Beigeschmack.

Seit Edward Snowden wissen wir über die globale Überwachungsmaschinerie Bescheid – mit Sicherheit nur ganz oberflächlich. Die Staaten überwachen sich gegenseitig und die globale Spionage erlebt ein goldenes Zeitalter. Nahezu jeder Mensch besitzt ein Smartphone. Apps senden Körperzustand und Bewegungsmuster, Bild- und Audioaufnahmen an Unternehmen. Regierungen erhalten diese Daten von den Unternehmen oder fangen sie ungefragt ab. Diese Parteien möchten aus unterschiedlichen Gründen Alles wissen. Die Einen zwecks Umsatzmaximierung, die Anderen zwecks Kontrolle und Macht.

 

Musikstreaming und Nutzeranalysen

Streaming ist zum Modewort und Trend geworden. Filme werden weniger auf DVDs und Blu-Rays gekauft, Videotheken werden bald nur noch in Geschichtsbüchern zu finden sein und das einzige etablierte Musikmedium ist nicht die CD, sondern die totgeglaubte Schallplatte. Paradox, aber Stil setzt sich durch.

Der klare Vorteil des Anbietens von Streamingdiensten ist die Möglkichkeit der umfangreichen Nutzerverhaltensanalyse. Im Prinzip wird alles festgehalten. Das Offensichtlichste, welche Songs abgespielt werden, ist dabei wohl die unwichtigste Information. Wichtiger sind Informationen über das Verhalten der Zuhörer. Es geht darum, wie lange Kunden einen Song anhören, bevor sie zum nächsten Song springen. Wie oft skippen sie einzelne Songpassagen oder wie oft klicken sie direkt zum nächsten Song? Der Interpret erhält nämlich nur dann eine Geldzahlung, wenn sein Song eine festgelegte Mindestzeit abgespielt wurde.

 

Die wichtigste Frage von allen

Die wichtigste Frage war schon immer „Warum?“ Denn wenn man ein Problem versteht, kann man eine Lösung finden. Frei nach dem Motto: Problem erkannt, Gefahr gebannt. Warum skippen die Menschen meinen Song weg und was kann ich dagegen machen? Zwecks Gewinnmaximierung passt man also seine zukünftigen Songs an.

 

 

Musikstreamingdienste verändern die Musik

Kommen wir also zu den Musik-Streaming-Diensten. Spotify und Co. haben das Musikbusiness radikal verändert. Das Wort „revolutioniert“ möchte ich in diesem Kontext vermeiden. Denn damit geht meist eine positive Veränderung ein, die hier nicht gegeben ist. Durch das schiere Überangebot an Musik hat sich das Hörverhalten der Menschen verändert – Stichwort Schnelllebigkeit und Aufmerksamkeitsspanne. Durch Analysen des Hörverhaltens müssen heutige Songs schneller als je zuvor die Aufmerksamkeit des Zuhörers einfangen.

 

Der Refrain wird zum Kalkül

Früher bauten sich Songs auf, sie erzählten eine Geschichte und der Refrain war ein Highlight, auf das man mit Vorfreude wartete. In den Streamingzeiten werden Songs simpler, sparen sich die Intros und der wichtige Refrain findet sich schon in den ersten 30 Sekunden wieder. Außerdem wird er verhältnismäßig oft in einen Song eingebaut. Es geht hierbei um Aufmerksamkeitsbindung. Qualität und Kunst geht dabei den Bach runter. Traurig.

 

 

Was hat Musikstreaming mit Gaming und Überwachung zu tun?

Kennt jemand das Kultspiel Syndicate? Wie die aus Science Fiction Romanen bekannte Megakonzerne übernehmen die Weltherrschaft. Ist das noch Utopie oder in Zeiten von global agierenden Online-Unternehmen wie Google, Apple, Amazon und Alibaba bereits Wirklichkeit? Google zuhause und mit Android auf fast jedem Handy vertreten. Sie bieten viel mehr an als nur ihren Playstore und Musicstore. Google weiß quasi alles.
Amazon bieten ihren eigenen Musikstreamingdienst an und haben das überaus erfolgreiche Streamingportal Twitch.tv aufgekauft. Sie wissen ziemlich genau, welche Computerspiele bei den Menschen beliebt sind. Zusätzlich bekommen sie genaue Informationen über Entwicklungen in Sachen Trends und Vorlieben bezüglich der Gamingszene und ihren Zuschauern mit. Sie können gezielt Werbung schalten – für eigene Filme, Serien und Produkte auf Amazon. …und was weiß ich, noch alles.

 

Ein neuer Global Player aus China

Meines Erachtens nach gehört seit ein paar Jahren ein weiteres chinesisches Unternehmen zu diesen Global Playern. Dieses Unternehmen muss sich keinesfalls hinter den zuvor genannten Unternehmen verstecken.

 

 

Tencent, die Besitzer von League Of Legends streamen Musik

Tencent ist das zweitgrößte chinesische Onlineunternehmen. Sie bieten ein breitgefächertes Spektrum an Onlinediensten an. Darunter auch das weltweit sehr erfolgreiche MOBA League Of Legends. Am wichtigsten scheint aber WeChat mit über 960 Millionen täglichen Nutzern (Quelle Wikipedia) zu sein. Das Unternehmen arbeitet eng mit der Chinesischen Regierung zusammen, die nahezu alle Nutzerdaten erhält. Mittlerweile fungiert WeChat als offiziell anerkannte Identifizierung in China.

 

Tencent Music Entertainment

Gestern ging deren Musikstreamingdienst Tencent Music Entertainment an die amerikanische Börse. Auf einen Schlag sind sie dadurch mit einem Börsenwert von 22 Mrd. Dollar knapp hinter dem schwedischen Anbieter Spotify, die es auf 23 Mrd. US-Dollar bringen. Die Nutzerzahlen von TME liegen bereits bei über 800 Millionen Menschen. Ein Großteil dieser Nutzer dürfte in dem auch für westliche Firmen sehr wichtigen Asiatischen Markt liegen. Durch die Expansion im westlichen Markt kann man davon ausgehen, dass die Nutzerzahlen von TME weiter steigen werden. Somit erhält Trencent nicht nur Einsicht in die Spielergemeinschaft von LoL weltweit, sondern erweitert ihre Nutzeranalyse mit westlichen Musikhörern. Ein strategisch wichtiger Schritt im Ausbau der Analysen und Informationsakkumulation.

 

 

Was verrät Musik über uns?

Ich möchte es kurz halten. Musik spricht aus der Seele, richtig? Das sollte mittlerweile allgemein bekannt sein. Sind wir glücklich, hören wir tolle fröhliche Musik, die diese Gefühlslage einfängt. Sind wir traurig hören wir ruhige Lieder. Unsere Gefühlslage bestimmt also unser Hörverhalten. Das spiegelt sich nicht nur in den Songs wider. Unsere Gefühlslage steuert unterbewusst das Verhalten während der Songs. Hier kann ich leider nicht ins Detail gehen, aber jeder weiß, dass man sich unglücklich anders verhält als wenn man glücklich ist. Das merkt man durch Handbewegungen, Lesegeschwindigkeit und die Art, wie man eine App steuert. Kurz gesagt: Es lassen sich Informationen über den psychologischen Gemütszustand ableiten. In Verbindung mit dem vor kurzen in China eingeführten Social-Ranking lässt das tief blicken.


 

Fazit

So schön es sein mag, aufwandslos mehrere Millionen Songs zur Auswahl zu haben, verraten Sie einiges über unser Wesen und unseren Gemütszustand. Das sind sensible Informationen, die ausgenutzt werden können. Hinzu kommt die Gefahr, dass sie zusätzlich noch fehlinterpretiert werden können. Es ist und bleibt eine erschreckende Entwicklung.

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